Wirtschaftsgeograph Björn Braunschweig hat sich u. a. in Geschäften der Jenaer Innenstadt umgehört.

Wie die Corona-Krise Unternehmen trifft

Eine aktuelle Studie zeigt die tiefgreifenden Folgen der Krise für Unternehmen in Thüringen.
Wirtschaftsgeograph Björn Braunschweig hat sich u. a. in Geschäften der Jenaer Innenstadt umgehört.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Umsätze brechen ein, Angestellte gehen zeitweise in Kurzarbeit, Betriebe entlassen große Teile ihrer Belegschaft. Die Corona-Pandemie hat auch Thüringens Wirtschaft hart getroffen und das Land in eine tiefe Rezession gestürzt. Wie schwer die Folgen wiegen, hat jetzt ein Forschungsteam aus dem Bereich Wirtschaftsgeographie der Universität Jena untersucht. Die Studie zeichnet ein düsteres Bild, macht aber auch deutlich, dass regionale und branchenspezifische Unterschiede bestehen – und dass eine Überwindung der Krisensituation möglich ist.

»Echte Krisengewinner haben wir nicht gefunden. Vielmehr deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass der größte Teil aller Unternehmen im Freistaat mehr oder weniger stark von der Krise betroffen ist«, berichtet Björn Braunschweig, Experte für regionale Analysen von Wirtschaftskreisläufen an der Universität Jena. Gemeinsam mit einem Forschungsteam um den Wirtschaftsgeographen Prof. Dr. Sebastian Henn hat er in den vergangenen Wochen und Monaten über 900 Antwortbögen ausgewertet, mit denen Unternehmen und Selbstständige in ganz Thüringen zu den Folgen der Corona-Krise befragt wurden.

Mit der Studie haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für Geographie schnell auf die Pandemie reagiert. Schon im April, wenige Wochen nachdem das Virus Deutschland erreicht hatte, führten sie mit Unterstützung der Jenaer Wirtschaftsförderung erste anonyme Online-Befragungen in der Stadt Jena durch. Kurz darauf folgte der Entschluss, das Projekt auf das ganze Bundesland auszuweiten. Inzwischen liegen Ergebnisse aus dem Landkreis Greiz, dem Saale-Holzland-Kreis, dem Weimarer Land, dem Wartburgkreis sowie den Städten Weimar, Jena, Eisenach und Gotha vor.

Extreme Umsatzrückgänge in Einzelhandel, Kunst- und Gastgewerbe

Die Ergebnisse zeigen, dass die Umsätze in Betrieben aller Branchen seit März stark rückläufig sind. Erwartungsgemäß ist der Einzelhandel besonders stark betroffen, dem in Folge des Lockdowns die Kunden fehlten. Noch höhere Einbußen von über 80 Prozent verzeichneten nur die Bereiche Kunst, Unterhaltung und Erholung sowie das Gastgewerbe. Die Konsequenzen dieser Verluste tragen nicht nur Eigentümer, sondern auch Angestellte. Sie mussten in Kurzarbeit gehen, in schweren Fällen kam es zu Kündigungen.

Allerdings gibt es regionale Unterschiede: So fallen die Folgen für die Stadt Jena und ihre unmittelbare Umgebung etwas weniger drastisch aus als für die ländlichen Regionen. »Das liegt vor allem daran, dass wir hier viel Hightech-Industrie und verarbeitendes Gewerbe haben, deren Absatzmärkte sowohl national als auch international gut aufgestellt sind«, erklärt Braunschweig. Die häufig vorgebrachte These, dass internationale Netzwerke durch Corona an Bedeutung verlieren, habe sich indes nicht bestätigt.

Die Pandemie hat aber nicht nur Konsequenzen für Einnahmen und Ausgaben, sie verändert auch die Unternehmenskulturen. In der Krisenzeit sind so gut wie alle Unternehmen darauf angewiesen, digital zu kommunizieren und neue Lösungen für den Austausch zu finden. Die geringste Hürde muss dabei die IT-Branche überwinden. Sie ist verstärkt urban angesiedelt und verfügt über das technische Know-how. Auch in diesem Punkt haben Betriebe in ländlicher geprägten Räumen das Nachsehen: Sie erkennen zwar die Notwendigkeit, doch es mangelt vielfach an der technischen Infrastruktur. In schwach bevölkerten Landstrichen sei die Internetverfügbarkeit oft so schlecht, dass sich zum Beispiel Videokonferenzen kaum durchführen ließen, so Braunschweig.

Die Kommunikation auf Distanz zeigt aber auch längerfristige Folgen auf Unternehmerinnen und Unternehmer. Zum einen besteht durch anhaltenden digitalen Austausch die Gefahr, dass der Zusammenhalt unter den Angestellten schwächer wird. Zum anderen wird das Vertrauensverhältnis mit externen Partnerunternehmen auf die Probe gestellt. »Es wird gerne vergessen, dass funktionierende Wirtschaft auch mit Vertrauen zu tun hat«, sagt Braunschweig. »Um Kooperationen zu schmieden, ist deshalb für viele der persönliche Kontakt essenziell. Ohne Messen oder ähnliche Veranstaltungen fällt dieser wichtige Aspekt komplett weg.«

Trotz Corona sind Fachkräfte aus dem Ausland gefragt

Mit diesen Voraussetzungen können Thüringer Unternehmen die Krise auch nicht als Chance begreifen. So hat sich trotz Entlassungen keine Entlastung des Fachkräftemangels ergeben. Braunschweig zufolge ist das Problem nicht aus der Welt und wird von der Krise nur in Teilen überlagert: »Der allgemeine Mangel ergibt sich aus der demographischen Entwicklung und wird nach der Krisenzeit weiterbestehen.« Thüringen werde deshalb auch zukünftig auf den Zuzug von Fachkräften aus anderen Teilen Deutschlands und dem Ausland angewiesen sein.

Wie die Studie zeigt, haben einige Unternehmen trotz erhöhten Aufwands für die Krisenbewältigung auch Innovationen vorantreiben können. Vor allem die Informations- und Kommunikationsbranche sowie wissensintensive Dienstleistungen hatten krisenbedingte Ausfallzeiten nutzen können. Doch im Einzelhandel zeigt sich deutlich: Die unmittelbare Krisenbewältigung hat zumeist nach einem großen Ressourceneinsatz verlangt.

Mit den Studienergebnissen will der Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie die Landes- und Kommunalpolitik mit konkreten Handlungsempfehlungen unterstützen. Im Herbst 2020 soll die Befragung dann über die Grenzen Thüringens hinaus auf die Nachbarländer Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgeweitet werden. Nach Ablauf eines Jahres wird die Befragung wiederholt, um auch die langfristigen Corona-Folgen zuverlässig erfassen zu können.

Bis dahin erhofft sich Braunschweig neben Förderprogrammen und Sofortzahlungen durch die Politik auch strukturelle Reformen: »Insbesondere bei der Digitalisierung muss die Politik Chancengleichheit herstellen, damit Unternehmen in ländlich geprägten Räumen nicht abgehängt werden.« Dass auch Eigeninitiative nicht schaden kann, um den Weg aus der Krise erfolgreich zu meistern, zeigt ein Blick nach Jena: Die besonders von der Krise getroffenen Einzelhändler haben dort mit der "Initiative Innenstadt" einen gemeinsamen Lieferservice ins Leben gerufen und so mitten in der Krisenzeit das bestehende Netzwerk gestärkt.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf Unternehmen in Jena aus? (Björn Braunschweig im Video-Interview):

Text: Till Bayer
Video: Till Bayer, Irena Walinda

Information

Wenn Sie mehr über die Arbeit des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena erfahren wollen, können Sie diesem auf Twitter oder Instagram unter wigeo_jena folgen oder in den lehrstuhleigenen Podcast SpacEconomics reinhören.

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