Mehr »sowohl als auch« statt »entweder oder«

Ein Gemälde Caspar David Friedrichs bietet romantische Denkansätze zur Krisenbewältigung.

Caspar David Friedrich ist einer der wichtigsten Maler der deutschen Frühromantik. Was können uns seine nebelverhangenen rauen Landschaften und die Menschen darin heute sagen? Unser Autor hat sich im Gespräch mit dem Kunsthistoriker und Friedrich-Experten Prof. Dr. Johannes Grave ein Bild gemacht.

Text: Marco Körner

Der Wanderer über dem Nebelmeer, gemalt um 1817 von Caspar David Friedrich
Bild: bpk / Hamburger Kunsthalle / Elke Walford

Ein Mann in einem altmodisch wirkenden, dunkelgrünen Gehrock steht auf einer braunen Felsformation. Er stützt sich auf einen Wanderstock und blickt auf nebelverhangene Berge hinab. Das, was ich hier auf dem Bild vor mir sehe, gibt es in Wirklichkeit gar nicht, erklärt mir Prof. Dr. Johannes Grave, als wir uns über das Bild »Der Wanderer über dem Nebelmeer« von Caspar David Friedrich unterhalten. Genau das ist eine der Botschaften der Romantik, wie ich im Laufe des Gesprächs besser verstehen werde. Die Fragen aus dieser Kunstepoche, mit denen sich der Kunsthistoriker Grave beschäftigt, stellen sich uns heute ganz besonders – in einer Zeit, in der wir die Natur in ungeahntem Ausmaß verändern.

Komponierte Bildlichkeit statt Abbild der Wirklichkeit

Caspar David Friedrich hat seinen »Wanderer« um 1817 gemalt. Das gesamte Bild ist komponiert. »Die beiden dunkel hervortretenden Berghänge rechts und links treffen sich genau in der Bildmitte, wo die Person steht, die die Landschaft betrachtet«, beschreibt Grave. Eine Felsformation rechts in der Landschaft greift die Kopfform des Wanderers auf. »In dieser scheinbar unberührten Natur war eindeutig eine ordnende Hand im Spiel.« Mit anderen Worten: Friedrich hat zwar präzise Naturstudien verwendet, sich aber deren Komposition einfach ausgedacht. Und mehr als das: »Friedrich hat diese Bildlichkeit, also den Unterschied zur Wirklichkeit, ganz klar betont«, erklärt Grave. Gut, denke ich. Ein Bild von einer Landschaft ist keine Landschaft. Und was ist an einer gemalten Landschaft überhaupt realistisch?

Aus dem Gespräch mit Grave über dieses mehr als zweihundert Jahre alte Gemälde ergeben sich Fragen zum Verhältnis von Mensch und Natur, die bis in die heutige Zeit reichen. Schließlich verändern wir unsere Umwelt so stark, dass diese Epoche unseres Planeten Anthropozän genannt wird – das Zeitalter des Menschen. Wie wir damit umgehen, ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. »Der Mensch ist einerseits Teil der Natur, kann aber gleichzeitig die Natur reflektieren und sich als ihr Gegenüber begreifen«, erklärt Grave. »Die Romantik ist vielleicht die erste Bewegung, die dieses Verhältnis konsequent hinterfragt hat.«

Gleichzeitig warnt er davor, aus dieser heutigen Sicht die Romantiker bloß als frühe Umweltschützer zu betrachten. »Novalis, einer der führenden romantischen Dichter, war im Bergbau tätig. Und damals dachte wohl kaum jemand, dass Menschen derart stark in die Natur eingreifen können, wie es heute der Fall ist. Was die Romantiker taten, war, über das ambivalente Verhältnis zwischen Mensch und Natur nachzudenken. Sie stellten Fragen: Was heißt es zum Beispiel, dass wir einerseits fraglos Teil der Natur sind, andererseits aber unser ›Geist‹ – um einen Begriff der Zeit um 1800 aufzugreifen – als Gegenüber der Natur begriffen werden kann? Wie ist die Einheit und zugleich Differenz von Natur und Geist zu denken, und was folgt daraus für unseren Umgang mit Natur?«

Derartige Fragen bewegen uns auch heute. »In der Bewältigung der Klima­krise gibt es zum Beispiel einen Lösungstypus, den ich als technologisch-instrumentell bezeichnen würde«, sagt Grave. »Hier wird der Mensch als Mastermind betrachtet, als souveräner Homo faber, der seine Umwelt aktiv nach seinen Vorstellungen verändert und dazu nur an bestimmten Stellschrauben drehen muss. Passender wäre aber vielleicht das Bild von Goethes ›Zauberlehrling‹, der einen Prozess in Gang setzt, den er letztlich nicht mehr kontrollieren kann. Die Romantik reflektiert unsere Position in der Natur und den hohen Verflechtungsgrad der verschiedenen Zusammenhänge. Sie geht weg davon, sich auf einzelne, empirisch belegbare Kausalitäten zu beschränken, um stattdessen schier unendliche Wechselwirkungen anzuerkennen.«

Doppelte Perspektive: Betrachtung des Betrachters

Mir fällt auf, dass ich, wenn ich auf den »Wanderer über dem Nebelmeer« blicke, tatsächlich weniger die Landschaft sehe, sondern den Menschen, der vor ihr steht und gleichzeitig Teil von ihr ist. »Das ist die Pointe des Bildes«, erklärt Grave. »Häufig wird das Gemälde so gedeutet, dass wir uns mit dem Betrachter identifizieren sollen und die Natur als Anlass für erhabene Empfindungen erleben. Aber das geht am eigentlichen Punkt des Bildes vorbei.« Während ich die Landschaft auf dem Gemälde betrachten will, stelle ich fest, dass mir die abgebildete Person nicht nur den Blick versperrt – letztendlich ist sie es, die ich betrachte. Jetzt wird mir klar, dass die bewusst komponierten Linien im Bild meinen Blick auf genau diese Person lenken sollen. »Ich werde zum Betrachter des Betrachters«, beschreibt Grave die Erfahrung, die ich dabei mache.

Die Schroffheit der Landschaft erinnert mich an Bilder von Braunkohletagebauen und Menschen, die sich darin oder an der Abbruchkante aufhalten, um auf die schädlichen Folgen des Kohleabbaus für die Umwelt und das Klima aufmerksam zu machen. Diese Gruben sind menschengemacht, aber nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet. In einem Punkt stimmt Grave mir zu: »Ein Braunkohletagebau hat in seinen Ausmaßen etwas Übermäßiges; das teilt er mit der Natur, sofern sie erhaben erscheint, weil sie in Größe und Maß nicht auf uns abgestimmt ist. Und solche Erfahrungen des Erhabenen haben die Zeitgenossen um 1800, gerade auch die Romantiker, stark fasziniert.«

Dass der Vergleich mit dem Tagebau dennoch hinkt, stellt Grave klar: »Die Bilder, die von den Klimaaktivistinnen und -aktivisten in den Tagebauen erzeugt werden, folgen einer ganz anderen Logik, nämlich den Gesetzen der politischen Kommunikation. Hier geht es um ein nachdrückliches Signal; es wird eine eindeutige Botschaft vermittelt. Die Romantik jedoch betont eher Ambiguitäten, Mehrdeutigkeiten.«

Die Fähigkeit der Romantiker, sich mit Ambiguitäten auseinanderzusetzen, ermöglicht seiner Einschätzung nach auch einen kritischen Blick auf eine unrealistische Naivität, die er zumindest bei Teilen der Klimagerechtigkeitsbewegung vermutet. »Dort scheint sich manchmal die Idealvorstellung zu äußern, dass wir nur möglichst minimal in die Natur eingreifen sollten. Aber wir sind nun mal im Anthropozän. Und es gibt auch kein ›Zurück zur Natur‹, weil unsere bisherigen Spuren untilgbar sind und sich die Natur als solche permanent verändert.«

Alternativen zum Hier und Jetzt – Romantik eröffnet neue Denkräume

Romantik bedeute daher nicht, die Natur in vermeintlicher Unberührtheit zu idealisieren, sondern sich mit unserem Verhältnis zu ihr auseinanderzusetzen, sagt Grave. »Das gilt auch für das Verhältnis zur Vergangenheit. Die Romantik kann als die erste Bewegung der Moderne verstanden werden, die die eigene neue Epoche in einem sehr grundsätzlichen Sinne kritisch reflektiert. Wenn die Romantik dabei in die Vormoderne zurückschaut, so nicht, um dort naiv nach einem Idealzustand zu suchen. Vielmehr kann sie auf diese Weise Alternativen zum Jetzt denken – in dem Wissen darüber, was vorher war. So erschließt sie sich neue Denkräume.«

In einer Zeit, in der viele Entscheidungen zur Krisenbewältigung vorgeblich alternativlos sind oder sich Alternativen gegenseitig auszuschließen scheinen, hält Grave eine kritische Sichtweise im Sinne der Romantik für erwägenswert: »Sie würde statt eines ›entweder oder‹ eher ein ›sowohl als auch‹ bevorzugen. Gerade deshalb bot sich hierfür auch das Medium des Bildes an. Denn ein Bild von einer Landschaft ist immer beides: Landschaft und bemalte Leinwand.« In gewisser Weise lässt sich durch die Romantik also zweierlei trainieren: die eigene Ambiguitätstoleranz und die Bereitschaft, jene sonst stillschweigend vorausgesetzten Rahmenbedingungen in den Blick zu nehmen, die unseren Blick und unser Denken immer schon lenken.