Bioinformatikerin und Go-Spielerin, Prof. Dr. Manja Marz.

Alles auf Go

Bioinformatikerin Prof. Dr. Manja Marz untersucht mit ihrem Team die genetischen Baupläne von Viren. Im Porträt verrät die Wissenschaftlerin mit Gesangsausbildung, die um ein Haar Pianistin geworden wäre, was sie das älteste Brettspiel der Welt fürs Leben gelehrt hat.
Bioinformatikerin und Go-Spielerin, Prof. Dr. Manja Marz.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)

 »So, dann fang mal an!«, sagt Manja Marz herausfordernd. Sie hat einen Fuß untergeschlagen und wippt unruhig auf ihrem Stuhl. Vor ihr befindet sich ein Spielbrett, auf das 19 mal 19 Linien insgesamt 361 Schnittpunkte zeichnen. Die junge Frau greift aus einer Schale ein paar weiße Glassteine, die an Schokolinsen erinnern, und wartet auf den ersten Zug ihres Gegenübers. Dass der keine Ahnung hat vom ältesten Brettspiel der Welt, macht ihr nichts aus. Routiniert erklärt sie die wenigen Regeln und wischt dabei fließend schwarze und weiße Go-Steine über das Feld. Das Spiel beginnt. Nur wer ins Wasser springt, lernt auch schwimmen.

Go-Unterricht von der Europameisterin von 2017: LICHTGEDANKEN-Autor Sebastian Hollstein lässt sich das Brettspiel von Prof. Dr. Manja Marz erklären. Go-Unterricht von der Europameisterin von 2017: LICHTGEDANKEN-Autor Sebastian Hollstein lässt sich das Brettspiel von Prof. Dr. Manja Marz erklären. Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Das hat Manja Marz selbst erfahren, als sie Go im Alter von 21 Jahren während eines Auslandssemesters im schottischen Edinburgh kennenlernte. »Ich bin eigentlich nur zum Go-Club gegangen, um Englisch zu lernen – und es hat mich nicht mehr losgelassen«, erzählt sie. Wie das passieren konnte, verstehe sie bis heute nicht. »Eigentlich begeistere ich mich nur für Sachen, die mir leichtfallen. Wenn ich nicht gut bin, dann verliere ich daran leider oft schnell das Interesse«, sagt die 39-Jährige. »Beim Go war das merkwürdigerweise anders.« Monatelang habe sie nur verloren und sei trotzdem drangeblieben. Inzwischen gehört sie zu den besten Spielerinnen Deutschlands, war Europameisterin, hat an Weltmeisterschaften teilgenommen. Go hat sie über den halben Erdball geführt, durch das Spiel hat sie viele Kulturen, Menschen und ihren Ehemann kennengelernt. Sie hat Verbände und Vereine geleitet und erst vor wenigen Monaten die erste Go-Schule Europas gegründet, in der junge, europäische Talente zu Profis reifen, um sich irgendwann einmal mit der Weltspitze in Asien messen zu können. In China ist Go so populär wie Fußball hierzulande. Die Stars dort bewegen sich in einer ganz anderen Liga – und verdienen auch entsprechend viel Geld. Die Gründung der Go-Schule war eine organisatorische Herausforderung. »Es ist schwierig, etwas auf die Beine zu stellen, wenn es nichts gibt, an dem man sich orientieren kann – aber genau solche Challenges mag ich«, sagt Manja Marz. Dabei trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift »be greater than average«.

Stringent und zufällig

Durchschnittlich ist Manja Marz' beruflicher Werdegang ganz sicher nicht. 2012 kam die gebürtige Leipzigerin als Juniorprofessorin nach Jena, mit gerade einmal 31 Jahren. 2015 erhielt sie den Lehrstuhl für Bioinformatik. Ihr Weg dorthin verlief ähnlich paradox wie der zum Go – einerseits völlig zufällig, andererseits ziemlich stringent. »Mein Studienfach habe ich im Ausschlussverfahren gewählt: Während der Abiturzeit habe ich verschiedene Fächer aufgelistet und dann jeden Abend eines davon weggestrichen – Biologie war schließlich das, was am wenigsten nervte«, erzählt Manja Marz und ergänzt, dass sie diese Methode aus heutiger Sicht nicht zum Nachahmen empfiehlt. Zu Beginn des Studiums in ihrer Heimatstadt habe sie dann aber schnell gemerkt, dass ihr die Leidenschaft und die Mathematik – eines ihrer Lieblingsfächer in der Schule – fehlten. Deshalb suchte sie nach einer Möglichkeit, die Rechenwissenschaft in ihr Studium zu integrieren, und fand sich schließlich in einem Numerik-Kurs wieder. »Damals wusste ich noch nicht, dass das etwas mit Computern zu tun hat – zum Glück. Denn sonst hätte ich mich vielleicht dafür nie angemeldet«, sagt sie. »Ich habe Computer damals – wann immer es ging — gemieden und sogar meine Hausarbeiten noch per Hand geschrieben.« Kurze Zeit später gehörte der Informatik ihre ganze Aufmerksamkeit.

Erst nachdem sie beide Fächer mit dem Diplom abgeschlossen hatte, erkannte Marz, dass sie auch in Kombination gut funktionieren. Die Bioinformatik steckte damals noch in den Kinderschuhen, aber zufällig kam genau in dieser Zeit Peter Stadler, einer der renommiertesten Vertreter der jungen Wissenschaft, nach Leipzig und überzeugte sie von einer Promotion. Der große Plan für die Universitätskarriere war damit allerdings zunächst nicht verbunden: »Wissenschaft hat mir sehr viel Spaß gemacht, aber ich habe nicht gezielt eine reine Forschungslaufbahn angestrebt, sondern geplant, mir spätestens mit 35 einen Job als Programmiererin zu suchen«, sagt Manja Marz. »Und dann wurde ich Professorin.« Dass sie mit dem Titel fremdelt, hört man deutlich, wenn sie das Wort ausspricht. »Ein Professor ist in meinen Augen jemand, der alles weiß und alles kann. So sehe ich mich nicht«, sagt sie. »Ich habe zwar einen enormen Ehrgeiz, wenn es darum geht, in einem Bereich besser zu werden – an Karriere habe ich dabei allerdings nie gedacht.« Vermutlich fühle sie sich deshalb auf wissenschaftlichen Kongressen auch immer etwas wie eine Außerirdische.

Wie springen Viren auf eine andere Spezies?

Vielleicht gehört Manja Marz genau deshalb zu den Spitzenforscherinnen auf ihrem Gebiet und hat Jena zu einem europäischen Zentrum der Viren-Bioinformatik gemacht. Experten wie Christian Drosten von der Berliner Charité arbeiten mit ihr zusammen. Gemeinsam mit ihm hat sie beispielsweise daran geforscht, wie Coronaviren von einer Spezies zur anderen übertragen werden. »Das passiert gar nicht so häufig, da es sich dabei um einen komplizierten Prozess handelt«, erklärt die Bioinformatikerin. »Wechselt das Virus den Organismus, muss es sein Genom an das der Wirtszelle anpassen, um sich weiter vermehren zu können. Gleichzeitig darf sich das Virus nicht völlig verändern, da es auch den alten Wirt nicht verlieren will.« Um herauszufinden, was genau im Erbgut des Virus passiert, sequenzieren Marz und ihre Kollegen die DNA und schauen anhand der daraus resultierenden Buchstabenketten, wie sie variiert und sich verändert, um die Spezies zu wechseln. Diese Arbeit ist wichtig, um auch Pandemien wie COVID-19 zu verstehen. »Es ist gut, dass unser Fachgebiet aktuell so viel Aufmerksamkeit erfährt«, sagt Marz. »In den vergangenen Jahren waren meine Kollegen und ich häufig in Brüssel und haben viele Gespräche geführt. Wir wollten für das Thema sensibilisieren, um besser vorbereitet zu sein. Meist mit eher geringem Erfolg.«

Für ein anderes Projekt, in dem sie die Halbwertzeit von Viren erforscht – eine Frage, die erstaunlicherweise bisher alles andere als beantwortet ist – hat sie zuletzt Virologen, Mediziner, Mathematiker, Physiker und einen Glasbläser an einen Tisch gebracht. »Genau diese Breite in der Forschung finde ich genial«, erklärt Manja Marz ihre Arbeit. Ihre Forschungsgruppe besteht aus etwa 30 Leuten, die aktuell 70 bis 80 Projekte bearbeiten. Für diese Fülle werde sie auch kritisiert, man empfiehlt ihr eine stärkere Fokussierung und Spezialisierung. »Aber das widerspricht einfach meiner Persönlichkeit, ich bin nun mal ein neugieriger Mensch und sehe einen wichtigen Teil meiner Arbeit darin, verschiedene Wissenschaften zusammenzubringen und zu kombinieren – und außerdem ermögliche ich so jungen Kolleginnen und Kollegen, ihren eigenen, unabhängigen Weg zu finden. Wenn ein Doktorand für ein Thema brennt, dann kommt er viel schneller voran, als wenn ich ihm ein Thema vorschreibe.« Deshalb gebe sie den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern schon sehr früh eigene Arbeitsgruppen. So lernen sie neben den rein inhaltlichen Aspekten ihrer Forschung auch viel über Organisation, Menschenführung und Kommunikation. Sie selbst habe ebenfalls sehr früh solche wertvollen Erfahrungen sammeln dürfen.

Familie ist die Nummer 1

Erfahrungen, die ihr auch dabei helfen, das enorme Pensum im Arbeits- und Privatleben zu koordinieren – mit einer klaren Priorität: »Meine Familie kommt immer an erster Stelle!«, sagt die Mutter von drei Kindern. In Zukunft möchte sie sich außerdem wieder verstärkt der Musik widmen. Denn fast wäre sie Pianistin geworden, hatte sogar ein Angebot für einen Studienplatz. »Das war das Vorletzte auf meiner Liste.« Zudem habe sie mit 13 Jahren begonnen, Gesangsunterricht zu nehmen. Dieses Musik-Hobby ist das einzige, das durchgängig bis heute überdauert hat, weil es sich leichter nebenbei im Auto üben lasse. Inzwischen ist sie ausgebildete Opernsängerin – obwohl sie Opern nicht besonders gern anhört. »Singen ist mir lieber.«

Die Go-Karriere ist indessen aus Zeitgründen ins Stocken geraten. »Die Go-Schule habe ich eigentlich gegründet, um selbst wieder mehr trainieren zu können, aber das war wohl eine völlige Fehlplanung von mir«, sagt sie. »Die meiste Zeit nehmen Organisation und Betreuung ein.« Heute spiele sie höchstens noch eine Stunde in der Woche. Trotzdem werde Go in ihrem Leben immer einen besonderen Platz einnehmen. »Es hat mir einfach so viel gegeben«, erklärt Manja Marz. »Wenn ich beispielsweise früher Mist gebaut habe, dann habe ich mich dem Problem meistens nicht gestellt. Aber das Spiel hat mir beigebracht, dass noch lange nichts verloren ist, nur weil es an einer Ecke des Brettes nicht gut aussieht.«

Das älteste Spiel der Welt

Das chinesische Brettspiel Go gilt als das älteste der Welt. Das chinesische Brettspiel Go gilt als das älteste der Welt. Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Archäologische Funde belegen Go bereits um das Jahr 0, Schriftquellen erwähnen es vermutlich sogar bereits 400 vorher – somit gilt das chinesische Brettspiel als das älteste der Welt. Neben dem Zitherspiel, der Kalligrafie und der Malerei gehörte Go im antiken China zu den »vier Künsten«, die gelehrte Menschen beherrschen sollten. Die Regeln sind grundsätzlich sehr einfach – die Spielvariationen dadurch aber umso größer: Auf dem quadratischen Spielbrett – dem sogenannten Goban – bilden 19 mal 19 Linien insgesamt 361 Schnittpunkte, auf die beide Kontrahenten jeweils nacheinander einen der 181 schwarzen und 180 weißen Spielsteine ablegen. Die Steine werden dann nicht auf dem Brett bewegt. Ziel ist es, möglichst viel Fläche in Form von Schnittpunkten zu erobern. Kreist ein Spieler einen gegnerischen Spielstein ein und nimmt ihm somit alle Freiheiten, so schlägt er ihn und entfernt ihn vom Feld. Hat ein Stein einen einzelnen anderen geschlagen, so kann er nicht sofort zurückgeschlagen werden. Außerdem ist es verboten, einen Stein so zu setzen, dass die Kette, zu der er dadurch gehört, keine Freiheiten mehr besitzt.

Eroberte Schnittpunkte und gefangene Steine ergeben schließlich eine Punktezahl, die den Sieger bestimmt. Wer mehr Punkte hat, gewinnt. Das Spiel ist übrigens beendet, wenn beide Spieler nicht mehr ziehen wollen, weil sie beispielsweise sonst ihr erobertes Gebiet selbst verkleinern würden. Besonders populär ist das Spiel in ostasiatischen Ländern wie China, Japan und Korea. Profis können dort bei großen Turnieren sechsstellige Beträge gewinnen. Im deutschsprachigen Raum sind dagegen derzeit etwa 2.500 Spieler registriert. Das Leistungsvermögen der Spieler wird in Rängen – ähnlich wie beim Judo – angegeben. Go-Meister können 1 bis 9 Dan erreichen, Schüler verbessern sich vom 30. zum 1. Kyu. Generell gilt eine alte Weisheit: »Go zu lernen, dauert eine Stunde, es zu meistern ein ganzes Leben.«

Text: Sebastian Hollstein

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