Das Sinnbild der Corona-Pandemie: die Mund-Nasen-Schutz-Maske.

Kommunikation der Pandemie

Seit März hat uns die COVID-19-Pandemie im Griff. Viele Beschäftigte unserer Universität befinden sich im Homeoffice. Die Pandemie bedeutet einen grundlegenden Wendepunkt für das Selbstverständnis der modernen Gesellschaft.
Das Sinnbild der Corona-Pandemie: die Mund-Nasen-Schutz-Maske.
Foto: Bastienne Karg

Ein Kommentar von Georg Ruhrmann

Die aktuelle Pandemie fordert uns heraus. Sie gilt virologisch und epidemiologisch als dynamisch und sozialwissenschaftlich als hyperkomplex. Wir wissen im Moment nicht, ob und wann sich das Virus eindämmen lässt. Und wir wissen auch nicht, wie sich einzelne Bevölkerungsgruppen in der Gesellschaft verhalten werden, wenn die Pandemie über den nächsten Winter anhält.

Sind wir schon am Höhepunkt der Corona-Krise?

Krisen werden häufig als Höhe- und Wendepunkt einer nicht nur riskanten, sondern zugleich auch gefährlichen Entwicklung angesehen. Doch ist der Höhepunkt der aktuellen Corona-Krise überhaupt schon erreicht? Daran scheiden sich die Geister. Gestritten wird spezifisch, konfliktreich und kontrovers. Der Streit um die Risiken der Pandemie und ihrer Folgen wird aus intergruppaler, aus organisatorischer und aus gesellschaftlicher Perspektive geführt.

Dabei geht es um medial ständig wiederholte Fragen: Wie verlässlich werden wir angesichts gezielter Desinformationen in sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen informiert [1]? Wie ansteckend ist das Virus? Wer und wie viele sind erkrankt? Wann kommt ein Impfstoff und wie lange hält der Schutz durch Antikörper nach einer Erkrankung? Wie geht es mit der Wirtschaft weiter? Wie sicher sind die Arbeitsplätze und Arbeitsschutzstandards verschiedener Branchen?

Kommunikation aus der Macher-Perspektive wirkt paternalistisch

In vielen Medien werden Fachbegriffe und statistische Zahlen in einer Weise präsentiert, als ob alle Hörerinnen und Hörer, Zuschauerinnen und Zuschauer, Userinnen und User umstandslos folgen könnten. Doch trifft das zu? Wohl eher nicht. Ein Grund liegt in der staatlichen Krisenkommunikation. Wie schon während der letzten Pandemie vor zehn Jahren (»Schweinegrippe«) wird auch in dieser Krise aus einer Macher-Perspektive kommuniziert [2]. Auf viele Menschen wirkt diese Form der Kommunikation paternalistisch und widersprüchlich.

Wissenschaftliche Aussagen über ein Risiko werden auf der Basis normativer Überzeugungen [3], von Einstellungen, Vorwissen und Meinungen rezipiert. Sie werden verstanden und missverstanden. Das ist auch politisch relevant. Denn weniger die Wissenschaft und ihre Expertinnen und Experten treffen in der Krise Entscheidungen, sondern Justiz und Politik. Einige Politiker kommunizierten dabei jedoch – von den Medien bisweilen unwidersprochen – in einer Weise, als wüssten sie ganz sicher, was jetzt richtig wäre. Und bereits seit Ende März wird die Forderung nach einer Rückkehr zur Normalität laut. Rückkehr? Normalität? 

Erste politische Lehren sind zu ziehen

Aus bisherigen Maßnahmen sind erste politische Lehren zu ziehen [4]. Nicht zuletzt, weil Effekte des politischen Krisenmanagements unter Umständen auch als öffentlich nicht intendierte Nebenfolgen populistisch und krisenverschärfend interpretiert werden können: etwa weil wirksame präventive Maßnahmen und Interventionen [5], die teilweise gelockert oder gerichtlich aufgehoben werden mussten, eben nicht umittelbar zur angenommenen »zweiten Welle« führten. Nun kritisieren einige Gruppen nachträglich lautstark diese Interventionen.

Wie geht es weiter? Über mancherorts — wie hier in Jena — vorbildlich praktiziertes Hygieneverhalten [6], mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeit- sowie Arbeitsplatzregelungen hinaus, brauchen wir vor allem viel mehr wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir müssen die Virologie des neuartigen Coronavirus begreifen, die Dynamiken der Pandemie, die COVID-19-Erkrankung sowie ihre tiefgreifenden ökonomischen, politischen und sozialen Folgen besser verstehen. Dazu müssen wir nicht nur etablierte epidemiologische Ansätze weiterentwickeln, sondern korrespondierend dazu international und interkulturell vergleichende Langzeitstudien der Gesellschafts- und Wirtschaftsforschung [7].

Gesellschaftliche Debatte ist notwendig

Vor allem aber ist eine breite gesellschaftliche Debatte notwendig. Sie wirft die Frage auf, wie dadurch das Selbstverständnis einer modernen Gesellschaft bestimmt wird. Die Sozialwissenschaften werden versuchen, die Kommunikation riskanter Entscheidungen theoretisch und empirisch zu analysieren. Und sie werden beobachten, ob ein evidenzbasierter Erkenntnistransfer [8] möglich wird.

Über den Autor

Prof. Dr. Georg Ruhrmann, studierte Philosophie, Molekularbiologie und Soziologie in Marburg und Bielefeld. Seit 1998 ist er Professor für Grundlagen der medialen Kommunikation und der Medienwirkung der Universität Jena. Prof. Dr. Georg Ruhrmann, studierte Philosophie, Molekularbiologie und Soziologie in Marburg und Bielefeld. Seit 1998 ist er Professor für Grundlagen der medialen Kommunikation und der Medienwirkung der Universität Jena. Foto: Bettina Förster

Prof. Dr. Georg Ruhrmann studierte Philosophie, Molekularbiologie und Soziologie in Marburg und Bielefeld. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Gesundheits- und Wissenschaftskommunikation.

Seit 1998 ist er Professor für Grundlagen der medialen Kommunikation und der Medienwirkung der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Seit 2009 ist Ruhrmann Mitglied der Kommission für Risikoforschung und -wahrnehmung beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Von 2009 bis 2016 leitete er Forschungsprojekte im DFG-Schwerpunktprogramm 1409 »Wissenschaft und Öffentlichkeit«. 2019 lehrte er im Master Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR).

 

 

 

Information

Im Text zitierte Literatur

[1] Landesanstalt für Medien NRW (2020). Informationslage und Meinungsbilder zu COVID-19: Auf der Suche nach Verlässlichkeit. Forschungsschwerpunkt Informationsintermediäre - Spezial. Ausgabe 6: Juli 2020. Düsseldorf: Landesanstalt für Medien NRW https://www.medienanstalt-nrw.de/themen/intermediaere.html

[2] Guenther, L., G. Ruhrmann und J. Milde (2011). Pandemie: Wahrnehmung der gesundheitlichen Risiken durch die Bevölkerung und Konsequenzen für die Risiko- und Krisenkommunikation. Berlin: Forschungsforum Öffentliche Sicherheit, Schriftenreihe Sicherheit Nr. 7. https://www.sicherheit-forschung.de/forschungsforum/schriftenreihe_neu/7/index.html.

[3] Rothmund, T., M. Gollwitzer, P. Nauroth und J. Bender (2017). Motivierte Wissenschaftsrezeption. Psychologische Rundschau 68 (3), 193-197; https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000364.

[4] Forman, R., R. Atun, M. McKee, und E. Mossialos (2020). 12 Lessons learned from the management of the coronavirus pandemic. Health Policy, 124(6), 577-580. https://doi.org/10.1016/j.healthpol.2020.05.008.

[5] Dehning, J., J. Zierenberg. P. Spitzner, M. Wibral, J. P. Neto, M. Wilczek und V. Priesemann (2020). Inferring change points in the spread of COVID-19 reveals the effectiveness of interventions. Science 10 Jul 2020: Vol. 369, Issue 6500, eabb9789 https://doi.org/10.1126/science.abb9789-

[6] Mitze, T., R. Kosfeld, J. Rode und K. Wälde (2020). Maskenpflicht und ihre Wirkung auf die Corona-Pandemie: Was die Welt von Jena lernen kann https://www.zm-online.de/news/politik/was-die-welt-von-jena-lernen-kann/. Langfassung: https://www.iza.org/publications/dp/13319/face-masks-considerably-reduce-covid-19-cases-in-germany-a-synthetic-control-method-approach.

[7] Ifo Schnelldienst (2020. Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Eine gemeinsame Studie des ifo Instituts (ifo) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). https://www.ifo.de/publikationen/2020/article-journal/das-gemeinsame-interesse-von-gesundheit-und-wirtschaft.

[8] Maier, M., J. Milde, S. Post, L. Guenther, G. Ruhrmann und B. Barkela (2016). Communicating scientific evidence: Scientists', journalists' and audience expectations and evaluations regarding the representation of scientific uncertainty. Communications 41(3), 239-264. https://doi.org/10.1515/commun-2016-0010.

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