Petra Dickmann leitet den wissenschaftlichen Beirat der Thüringer Landesregierung zur Corona-Krise.

»Wir müssen vielleicht lange ohne Impfstoff leben«

Warum Deutschland die erste Welle der Corona-Pandemie gut überstanden hat, was sich künftig in den Schulen ändern muss und warum Risikokommunikation wichtig ist: Medizinerin und Kommunikationswissenschaftlerin PD Dr. Dr. Petra Dickmann im Interview (Anfang Juli 2020).
Petra Dickmann leitet den wissenschaftlichen Beirat der Thüringer Landesregierung zur Corona-Krise.
Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Frau Dickmann, Sie sind Vorsitzende und Sprecherin des Ende Mai ins Leben gerufenen wissenschaftlichen Beirats der Landesregierung. Welche Aufgaben hat dieser Beirat?

Der Beirat ist ein multidiziplinäres Gremium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Unsere Aufgabe ist es, die wissenschaftliche Datenlage zur Corona-Pandemie zu sondieren, einzuordnen und Empfehlungen für politische Entscheidungen zu geben. Dafür bekommen wir zum einen konkrete Anfragen aus der Politik, Einschätzungen zu bestimmten Sachverhalten vorzunehmen. Zum anderen erarbeiten wir als Gremium selbst Empfehlungen zu Themen, die wir für wichtig erachten und wollen so die Politikerinnen und Politiker auf Entscheidungen hinweisen, die aus wissenschaftlicher Perspektive notwendig sind. Und nicht zuletzt sind wir aufgefordert, das Pandemiemanagement insgesamt in den Blick zu nehmen und zu bewerten, um daraus für eine eventuelle nächste Pandemie zu lernen.


Der Beirat vereint zwölf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Fachdisziplinen und von unterschiedlichen Forschungseinrichtungen. Wie arbeiten Sie rein praktisch zusammen?

Wir treffen uns in dieser ersten Findungsphase im wöchentlichen Rhythmus, anfangs per Videokonferenz, dann auch persönlich in der Erfurter Staatskanzlei und inzwischen ist es eine Mischung aus beidem. Dabei diskutieren wir die anstehenden Fragen und versuchen einen gemeinsamen Standpunkt zu finden. Zwischen den Treffen bewerten wir wissenschaftliche Entwicklungen mit Relevanz für die aktuelle politische Lage, kommentieren Vorschläge aus der Politik und arbeiten an Stellungnahmen oder Impulspapieren. Das ist ein sehr anspruchsvolles Aufgabenpensum und wir arbeiten unter hohem Zeitdruck; die Arbeit im Beirat ist ein Ehrenamt, das heißt, wir gehen auch alle noch unserer »normalen« wissenschaftlichen Tätigkeit nach.

Inhaltlich verstehen wir uns als eine Art »Eulengremium«. Die Eule haben wir deshalb als Sinnbild gewählt, weil sie ihren Kopf um 180 Grad in beide Richtungen drehen kann. Und so arbeiten wir auch: Wir betrachten wissenschaftliche Erkenntnisse in alle Richtungen und bewerten sie nach dem Grad ihrer Kontroversität. Damit vermitteln wir der Politik, wie gesichert bzw. wie kontrovers bestimmte Themen und Fragen in der Wissenschaft sind. Je weiter politische Entscheidungen von der wissenschaftlichen Einschätzung abweichen, umso deutlicher müssen sie in der Öffentlichkeit begründet werden.


Woran arbeiten Sie im wissenschaftlichen Beirat aktuell?

Wir haben unsere Arbeit Anfang Juni begonnen und sind noch dabei, uns einen Überblick zu verschaffen. Zentrale Themen, die sich bereits klar abzeichnen, sind das Szenario einer zweiten Welle, die Organisation eines angepassten Regelbetriebs des öffentlichen Lebens, die Problematik von Hotspots und die Frage nach geeigneten Interventionsmöglichkeiten.

Für Thüringen ist ein ganz wichtiges Thema derzeit die Schulöffnung und die Frage, wie der Schulalltag nach den Sommerferien abläuft. Es gibt den politischen Wunsch und den Wunsch in der Bevölkerung, dass der Schulbetrieb im neuen Schuljahr wieder weitgehend normal läuft. Wenn wir allerdings momentan ins Ausland schauen, welche Erfahrungen es dort gibt, etwa in Südkorea oder in Israel, dann sind diese Erfahrungen mit Schulöffnungen nicht besonders gut. Dort ist es wenige Wochen nach der Öffnung zu einem deutlichen Anstieg der Fallzahlen gekommen und die Schulen mussten zum Teil wieder geschlossen werden. Das wollen wir für Thüringen natürlich vermeiden.


Wie lässt sich das denn vermeiden und was müssen wir tun, um möglichst bald zu einem normalen Leben in Thüringen und ganz Deutschland zurückkehren zu können?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Wichtig ist, dass wir flexibel reagieren, frühzeitig Veränderungen im Infektionsgeschehen aufdecken und uns rasch darauf einstellen. Wir brauchen ein Frühwarnsystem, mit dem wir Infektionsraten in den Schulen messen und so Aussagen darüber erhalten, wie verbreitet das Virus aktuell ist, auch wie viele asymptomatische Infektionen es gibt.

Und dann brauchen wir klar definierte Interventionskonzepte, die die Frage beantworten, was machen wir, wenn in einer Schule eine bestimmte Anzahl von Erkrankungen überschritten ist oder wenn es in einer Stadt oder einem Landkreis eine bestimmte Anzahl von Erkrankungen gibt. Dafür brauchen wir Kriterien und definierte Maßnahmen, die nicht nur aus der Perspektive des Infektionsschutzes sinnvoll sind, sondern auch pädagogisch, wirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich mit getragen werden können. Die haben wir derzeit noch nicht. Da müssen wir dringend ran. Und wir müssen besser kommunizieren.


Inwiefern?

Risikokommunikation spielt eine ganz entscheidende Rolle in einer Situation, wie wir sie gerade erleben. In der ersten Welle der Pandemie sind gravierende politische Entscheidungen getroffen worden, wie es sie für die allermeisten Menschen noch nicht gegeben hat. Und auch jetzt, wenn wir über Lockerungen dieser Maßnahmen sprechen, gibt es immer noch sehr viele Einschränkungen und Regelungen, die nur zum Erfolg führen, wenn sich alle daran halten. Doch das funktioniert nur, wenn es in der Bevölkerung ein Verständnis für die getroffenen Entscheidungen gibt.

Das gilt umso mehr, wenn wir, wie aktuell in einigen Hotspots, sehr schnell intervenieren müssen. Die Bevölkerung muss auf solche Ereignisse vorbereitet sein und das ist die Aufgabe von Risikokommunikation: klarzumachen, nach welchen Kriterien entschieden wird, welche Maßnahmen ergriffen werden. Schließlich müssen die Menschen die Interventionsmaßnahmen mittragen, sonst sind sie nutzlos.


Muss sich auch an den Schulen selbst etwas verändern?

Ja. Kurzfristig ist es natürlich wichtig, dass die Schulen ein gutes Hygienekonzept haben, das für die jeweiligen lokalen Gegebenheiten gut passt und ausreichend Infektionsschutz bietet. Mittel- und langfristig brauchen wir für die Schulen aber auch »pandemische« Konzepte, wie z. B. Raumkonzepte: Dass 32 Kinder in einem kleinen Klassenraum unterrichtet werden, ist möglicherweise nicht mehr realisierbar. Das bedeutet, wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie Gemeinschaften der Zukunft aussehen. Wie können wir gemeinsam lernen und leben, wie können wir soziale Gruppen erhalten und trotzdem den notwendigen Abstand halten?

Darüber hinaus sind neue pädagogische Konzepte gefragt, die aus einer Mischung aus Präsenz- und Fernunterricht bestehen. Dabei ist das Thema Digitalisierung ganz wichtig. Ohne eine neue Kultur der vernetzten Wissensvermittlung und des digitalen Teachings wird das kaum funktionieren.


Sie haben als Medizinerin und Public-Health-Expertin bereits vielfältige Erfahrungen mit Epidemien und Pandemien gemacht. Wie beurteilen Sie das bisherige Pandemiemanagement?

Wir hatten in Deutschland bereits sehr früh und sehr schnell eine Diagnostik für dieses neuartige Virus entwickelt. Das hat es uns ermöglicht, bereits die ersten Fälle von COVID-19, die wir im Januar hatten, zu identifizieren. Wir hatten nicht, wie in anderen Ländern vor uns, auf einen Schlag eine riesige Zahl von Patienten, von denen man erst einmal gar nicht wusste, woran sie überhaupt leiden.

Allerdings hat es dann schon eine Weile gedauert, bis man wirklich realisiert hatte, wie gefährlich diese Erkrankung tatsächlich ist. Es gab Vergleiche mit SARS, das wesentlich tödlicher ist, es gab Vergleiche mit der saisonalen Grippe, die ebenso ansteckend ist. Da ist erst einmal einiges an Zeit vergangen, bis dann im März doch weitreichende und wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Als klar wurde, das ist mehr als eine normale Grippe; das erfordert ein strikteres Vorgehen. Das ist eine unglaublich schwierige Entscheidung gewesen mit enormen ökonomischen und sozialen Konsequenzen. Die politischen Entscheider sind darum nicht zu beneiden. Aber es war eine richtige Entscheidung! Und es war wirklich höchste Zeit dafür.


Wie schätzen Sie die getroffenen Maßnahmen ein, verglichen mit denen in anderen Ländern?

Insgesamt finde ich, dass wir hier in Deutschland sehr angemessen und klug agieren. Die getroffenen Maßnahmen, wie Schulschließungen und Kontaktverbot haben sich als effektiv erwiesen. Wir brauchten keine Ausgangssperren wie z. B. in Frankreich, sondern haben die vernünftige Regel aufgestellt, Abstand zu halten.

Natürlich gibt es auch Stimmen, die sagen, dass man insgesamt hätte besser vorbereitet sein können auf den Pandemiefall, dass man Schutzmasken und Schutzkleidung vorrätig hätte haben können. Das stimmt natürlich, aber das ist im Nachhinein müßig. Ich fand die Entscheidungen mutig und richtig. Davor habe ich viel Respekt.


Wie sehen Sie die Situation aktuell und wie geht es nun weiter?

Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens im März war extrem schwierig. Aber es ist noch weitaus schwieriger, jetzt zu entscheiden, wann wir wie wieder hochfahren. Und da zeigt sich wieder, was bei aller Besonnenheit und kluger Entscheidungen bisher fehlt: eine gute Risikokommunikation. Wir nehmen derzeit ganz deutlich wahr, wie überdrüssig die Gesellschaft der Pandemie ist. Niemand hat mehr Lust auf Corona. Wir hätten jetzt einfach gerne keine Pandemie mehr. Wir hätten einfach gerne einen Impfstoff. Aber wir wissen nicht, ob wir den Impfstoff in absehbarer Zeit entwickeln können. Auch nicht mit sehr viel Geld. Schauen Sie sich HIV an. Dagegen hätten wir seit Jahrzehnten gerne einen Impfstoff, den gibt es aber bis heute nicht.

Natürlich setzen wir alle große Hoffnungen in die derzeitigen Forschungen und Studien für einen Corona-Impfstoff. Aber wir müssen eben auch Szenarien ins Auge fassen, in denen wir lange Zeit ohne Impfstoff leben. Und auf dieser Basis müssen wir nachhaltig soziales Leben, Lernen und Gemeinschaft ermöglichen. Wir müssen uns fragen, wie wir trotz dieser Pandemie wieder »normal« leben können und wie diese Normalität aussehen kann.

Interview: Ute Schönfelder

Zur Person

PD Dr. Dr. Petra Dickmann kombiniert in ihrer wissenschaftlichen Expertise ein außergewöhnliches Themenspektrum. Sie ist habilitierte Medizinerin und Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin. Sie hat über 15 Jahre Erfahrung im Pandemiemanagement weltweit und hat mit der WHO, dem Internationalen Roten Kreuz und verschiedenen Regierungen (z. B. G7 Nationen) zusammengearbeitet und dabei Erfahrungen mit der Vogelgrippe H5N1 (2013) in Asien, ebenso wie mit dem Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 gesammelt. Nach acht Jahren in England, wo sie an der London School of Economics and Political Sciences geforscht hat, ist sie seit 2016 an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Jena angesiedelt, wo sie den Bereich Public Health aufbaut und die Arbeitsgruppe »Risk communication in public health and health security« leitet.

 

Spielplätze waren bundesweit wochenlang gesperrt. Wie das öffentliche Leben trotz andauernder Pandemie wieder stattfinden kann, dafür gibt der wissenschaftliche Beirat der Thüringer Landesregierung Empfehlungen. Spielplätze waren bundesweit wochenlang gesperrt. Wie das öffentliche Leben trotz andauernder Pandemie wieder stattfinden kann, dafür gibt der wissenschaftliche Beirat der Thüringer Landesregierung Empfehlungen. Foto: Anne Günther (Universität Jena)

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der Thüringer Landesregierung zur Corona-Pandemie

  • PD Dr. Dr. Petra Dickmann, Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Jena (Vorsitzende)
  • Prof. Dr. Cornelia Betsch,  Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt
  • Prof. Dr. Dr. Karlheinz Brandenburg, Technische Universität Ilmenau, Institut für Medien  und Mobilkommunikation
  • Prof. Dr. Nicole Harth, Ernst-Abbe-Hochschule Jena, Lehrstuhl für  Sozialpsychologie
  • Prof. Dr. Sebastian Henn, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehrstuhl  für Wirtschaftsgeographie
  • Prof. Dr. mult. Nikolaus Knoepffler, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehrstuhl  für Angewandte Ethik
  • Prof. Dr. Barbara Lochner, Fachhochschule Erfurt, Lehrstuhl Pädagogik der Kindheit
  • Prof. Dr. Mathias Pletz, Universitätsklinikum Jena, Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene
  • Prof. Dr. Benno Stein, Bauhaus Universität Weimar, Lehrstuhl für Content Management und Medien
  • Prof. Dr. Silke Übelmesser, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Lehrstuhl  für Volkswirtschaftslehre/Finanzwissenschaft
  • Dr. Klaus-Dieter von der Weiden, Richter am Bundesverwaltungsgericht/Richter  am Landesverfassungsgerichtshof
  • Prof. Dr.-Ing Viktor Wesselak, Hochschule Nordhausen, Lehrstuhl für  Regenerative Energiesysteme
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