Auch der uns nächstgelegene Exoplanet Proxima Centauri b befindet sich in einem Mehrfachsternsystem.

Wo mehrere Sonnen scheinen

Astrophysiker analysiert Mehrfachsternsysteme mit Exoplaneten
Auch der uns nächstgelegene Exoplanet Proxima Centauri b befindet sich in einem Mehrfachsternsystem.
Foto: ESO/M. Kornmesser

Ist unsere Erde der einzige bewohnte Planet im Universum oder gibt es weitere lebensfreundliche Orte? Und, falls ja, wie könnten sie aussehen? Um diese fundamentalen Fragen zu beantworten, suchen Wissenschaftler den Himmel nach Exoplaneten ab, die außerhalb unseres Sonnensystems um andere Sterne kreisen. Wie eine Jenaer Studie jetzt zeigt, geht in zahlreichen dieser fernen Welten die Sonne gleich mehrfach auf.

Über 4.000 Exoplaneten sind bisher bekannt. Die meisten von ihnen umkreisen Einzelsterne, so wie die Erde unsere Sonne. Der Jenaer Astrophysiker Dr. Markus Mugrauer hat jetzt zahlreiche Mehrfachsternsysteme entdeckt, bei denen Exoplaneten vorkommen. Diese Exoplaneten umkreisen also jeweils eine von gleich mehreren »Sonnen«.

Weltraumteleskop Gaia liefert präzise Daten

»Mehrfachsternsysteme kommen in unserer Milchstraße sehr häufig vor«, erklärt Dr. Markus Mugrauer. »Wenn solche Systeme Planeten besitzen, so sind sie für die Astrophysik von besonderem Interesse, weil sich die Planetensysteme darin fundamental von unserem Sonnensystem unterscheiden können.« Um mehr über diese Unterschiede zu erfahren, suchte Mugrauer mehr als 1.300 bekannte Sterne, bei denen Exoplaneten gefunden wurden, nach Begleitsternen ab. Dabei griff er auf die präzisen Beobachtungsdaten des Weltraumteleskops Gaia zurück, das von der Europäischen Weltraumagentur ESA betrieben wird. Auf diese Weise gelang es ihm, bei Planetenmuttersternen mit bis zu 1.600 Lichtjahren Abstand zur Sonne insgesamt rund 200 Begleitsterne nachzuweisen.

Mithilfe der Daten konnte Mugrauer die entdeckten Begleitsterne und ihre Systeme zudem näher beschreiben: Es existieren sowohl enge Systeme mit Abständen von nur 20 Astronomischen Einheiten (AE) — was in unserem Sonnensystem in etwa der Distanz zwischen Sonne und Uranus entspricht — als auch Systeme, deren Sterne über 9.000 AE voneinander entfernt liegen.

Unterschiedlich beschaffen sind die Begleitsterne auch hinsichtlich ihrer Massen, Temperaturen und Entwicklungsstadien. Die schwersten von ihnen haben eine rund anderthalbfache Masse unserer Sonne, die leichtesten hingegen nur knapp ein Zehntel der Sonnenmasse. Bei den meisten Begleitsternen handelt es sich um massearme, kühle und schwach rötlich leuchtende Zwergsterne.
Unter den leuchtschwachen Objekten wurden aber auch acht Weiße Zwerge identifiziert. Als Weißen Zwerg bezeichnet man den ausgebrannten Kern eines sonnenähnlichen Sterns, der zwar nur ungefähr so groß ist wie unsere Erde, dafür aber halb so schwer wie unsere Sonne. Diese Beobachtungen zeigen, dass Exoplaneten die finale Entwicklungsphase eines nahen sonnenähnlichen Sterns durchaus überleben können.

Doppel-, Dreifach- und Vierfachsternsysteme mit Exoplaneten

Bei der Mehrzahl der in der Studie nachgewiesenen Sternsysteme mit Exoplaneten handelt es sich um Doppelsterne. Mugrauer konnte aber auch zwei Dutzend hierarchische Dreifach- und sogar ein Vierfachsternsystem detektieren. Insgesamt verfügen 15 Prozent der untersuchten Sterne über mindestens einen Begleitstern. »Diese Häufigkeit ist nur etwa halb so groß, wie sie im untersuchten Abstandsbereich bei sonnenähnlichen Sternen im Allgemeinen erwartet wird«, nennt Mugrauer eine zentrale Erkenntnis seiner Arbeit. Zudem weisen die detektierten Begleitsterne einen etwa fünfmal größeren Abstand auf als gewöhnliche Systeme. »Beides zusammen könnte darauf hinweisen, dass der Einfluss mehrerer Sterne in einem Sternensystem den Entstehungsprozess von Planeten sowie die weitere Entwicklung ihrer Umlaufbahnen stört«, so Mugrauer. Ursache dafür sei zunächst die gravitative Wechselwirkung der Begleitsterne auf die Gas- und Staubscheiben, in denen Planeten entstehen. Später stören dann die Begleitsterne durch ihr Schwerefeld die Bewegung der Planeten um ihre Muttersterne herum.

Markus Mugrauer möchte das Projekt fortführen. Auch künftig sollen die sogenannte Multiplizität neu entdeckter Planetenmuttersterne mit den Daten der Gaia-Mission untersucht und detektierte Begleitsterne genau charakterisiert werden. »Zudem werden wir die Resultate mit den Ergebnissen einer internationalen Beobachtungskampagne kombinieren, die wir aktuell zum selben Thema am Paranal-Observatorium der Europäischen Südsternwarte in Chile durchführen«, ergänzt der Jenaer Experte. »Damit können wir dann den genauen Einfluss der stellaren Multiplizität auf die Entstehung und Entwicklung von Planeten untersuchen.«  

Text: Till Bayer

Information

Original-Publikation: Search for stellar companions of exoplanet host stars by exploring the second ESA-Gaia data release. MNRAS (2019), DOI: 10.1093/mnras/stz2673

Kontakt

Markus Mugrauer, Dr.
Astrophysikalisches Institut und Universitäts-Sternwarte
Telefon
+49 3641 9-47514
Fax
+49 3641 9-47502
Universitätssternwarte, Raum 105
Schillergäßchen 2
07743 Jena
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