Im CATI-Labor interviewen Studierende Studienteilnehmer per Telefon.

Hinter den Kulissen

Telefonieren für die Wissenschaft
Im CATI-Labor interviewen Studierende Studienteilnehmer per Telefon.
Foto: Jan-Peter Kasper (Universität Jena)

Welche Partei würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre? Wie stehen Sie zum Ausbau der Wind­energie? Wofür legen Sie Ihr Erspartes an? Herauszufinden, was Menschen zu aktuellen Themen denken und wie sie ihre Meinung bilden, das ist ein Ziel der empirischen Sozialforschung. Doch wie kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an diese oft recht privaten Informationen? Meistens rufen sie einfach an.


»Guten Abend, wir führen eine wissenschaftliche Studie durch. Hätten Sie vielleicht etwas Zeit?« So oder ähnlich beginnen die meist abendlichen Anrufe, mit denen Meinungsforscher ihre Daten erheben. Vor allem für Soziologinnen und Soziologen sind Telefonbefragungen unverzichtbar, liefern sie doch die Datengrundlage für die empirische Sozialforschung. Für das Computer-Assisted Telephone Interviewing (CATI) unterhält die Friedrich-Schiller-Universität Jena seit 15 Jahren ein eigenes Labor. Bis zu 20 studentische Hilfskräfte hängen in den beiden Räumen gleichzeitig an der Strippe und telefonieren im Namen der Wissenschaft.

»Unsere Umfragen sind häufig Bestandteil größerer Forschungsprojekte«, erklärt der Leiter der Einrichtung, Thomas Ritter. »Das Aufwendigste ist sicherlich der Thüringen-Monitor, der jährlich die politische Einstellung der Thüringerinnen und Thüringer abbildet. Dafür führen wir über tausend Interviews

Gewählte Nummern aus zufallsgenerierten Stichproben

Neben Sozialforschern nutzen auch Kollegen aus den Wirtschaftswissenschaften und der Kommunikationsforschung das CATI-Labor. Thomas Ritter und seine Kollegen stellen dafür nicht nur die Infrastruktur zur Verfügung. Sie beraten auch bei der Durchführbarkeit der Vorhaben. »Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis: Einerseits kalkuliere ich beispielsweise den ungefähren Zeit- und Kostenaufwand, andererseits gebe ich Tipps zur Gestaltung der Fragebögen«, so Ritter. Neben Forschungsprojekten wird das Telefonlabor auch intensiv in der Lehre genutzt. Im Rahmen von Seminaren bearbeiten Studierende häufig selbst empirische Forschungsfragen, für die sie eine eigene Befragung konzipieren und schließlich selbst zum Hörer greifen.

Egal ob großes Forschungsvorhaben oder Seminararbeit — am Anfang eines Interviews steht immer eine Telefonnummer. Doch wie entscheiden die Interviewer, wen sie überhaupt anrufen? Thomas Ritter sagt: »Gar nicht.« Stattdessen erhalten die Forscher die Nummern vom GESIS — Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, das als eine Art Dienstleister für sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte fungiert. Das GESIS erhält die Nummernblöcke wiederum von der Bundesnetzagentur und zieht daraus für die Interview-Labore zufallsgenerierte Stichproben.

»Welche konkreten Personen sich hinter den ausgewählten Nummern verbergen, wissen wir erst, wenn wir anrufen«, sagt Thomas Ritter. Doch das auch nur, wenn jemand abnimmt. Denn nicht jeder Angerufene beteiligt sich an der Befragung. »In der Regel wählt ein Interviewer etwa 100 Nummern in fünf Stunden, woraus sich etwa fünf Interviews ergeben, während der vorher programmierte Fragebogen auf dem Monitor zum Einsatz kommt«, sagt Ritter. Zunehmend sind Einrichtungen wie das CATI-Labor mit einem Problem konfrontiert, das den Aufwand der Befragungen erheblich erhöht: »Es gibt immer weniger Festnetzanschlüsse. Vor allem jüngere Menschen beschränken sich auf ein Mobiltelefon und sind schwerer zu erreichen. Außerdem ist es aufwendiger, Umfragen für eine bestimmte Region durchzuführen, wie beim Thüringen-Monitor«, erklärt Ritter.

Nicht nur deshalb braucht das CATI-Labor in nächster Zeit eine technische Generalüberholung, um moderner aufgestellt zu sein. Ein wesentlicher Faktor für den Erfolg des Labors seien zudem die studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die meisten von ihnen studieren ein sozialwissenschaftliches Fach, wissen also genau, worauf es bei ihrer Aufgabe ankommt. Nachwuchssorgen hat Thomas Ritter nicht. »Wir nehmen Bewerbungen jedoch jederzeit gern entgegen

Text: Sebastian Hollstein

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