Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Dörre forscht und lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität zum Wandel der Arbeitsgesellschaft.

Der Kapitalismus ist an seine Grenzen gestoßen

Wachstum hat als volkswirtschaftliches Kriterium ausgedient
Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Dörre forscht und lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität zum ...
Foto: Anne Günther/FSU

Der Kapitalismus steckt in der Krise: Das Prinzip des »immer mehr« und »immer weiter« funktioniert nicht mehr, Wachstum als wichtigstes Kriterium zur Beurteilung einer Volkswirtschaft hat ausgedient. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre sieht die Welt vor einem Systemwechsel. Allerdings sei offen, ob es Wirtschaft und Politik gelingt, den notwendigen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit aktiv und sozialverträglich zu gestalten.

Sie haben im Kolleg »Postwachstumsgesellschaften« lange über Alternativen zum aktuellen Wirtschaftsmodell nachgedacht. Wie könnte eine solche Alternative aussehen?

Wir benötigen einen Systemwechsel, sollten etwa den Begriff des Wachstums durch Entwicklung ersetzen. Nötig sind neue Kriterien, eine Abkehr von der Fixierung auf das Bruttoinlandsprodukt. Ein richtiges Signal wäre es, Nachhaltigkeitsziele in der Verfassung zu verankern, auch auf Länderebene.

Warum ist ein Systemwechsel notwendig?

Ich denke, das kapitalistische Prinzip der Expansion, der »Landnahme«, ist an seine Grenzen gestoßen. Schon jetzt sind deutliche Symptome erkennbar, die auf einen Postwachstumskapitalismus hinweisen. So hat sich die Wirtschaft nach der Finanzkrise 2008 zwar wieder erholt, die Wachstumsraten sind aber längst nicht so hoch wie vor der Krise. Auch die Arbeitsproduktivität steigt trotz des hohen Technikeinsatzes immer langsamer.

Woran liegt das?

Die Zeiten billiger Ressourcen sind wohl endgültig vorüber. Dinge, die bislang gratis verfügbar waren - wie sauberes Wasser, saubere Luft - erhalten plötzlich einen Preis. Das Streben nach kurzfristigen Profiten geht zulasten der Umwelt und führt nicht zu langfristigen Erträgen. Anders gesagt: Das Wachstum kommt nur noch langsam in Gang und es ist mit zunehmender Ungleichheit innerhalb der nationalen Gesellschaften verbunden. Wir befinden uns inmitten einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise: Stagniert die Wirtschaft, steigen Armut und Arbeitslosigkeit. Kommt das Wirtschaftswachstum auf Basis fossiler Energien wieder in Gang, verschärft es ökologische Großgefahren wie den Klimawandel. Das lässt sich als Übergang zu einer Art Postwachstumskapitalismus interpretieren.

Muss es erst zum Crash des bisherigen Systems kommen oder wie kann der Übergang hin zu einer Postwachstumsgesellschaft gelingen?

Wir haben die Wahl zwischen naiv-passivem Abwarten und aktivem Gestalten. Ein Beispiel: Der Abschied vom Verbrennungsmotor in der Automobilbranche wird die Thüringer Zulieferindustrie hart treffen. Da werden viele Arbeitsplätze verlorengehen. Oder schauen wir in die Lausitz. Der Braunkohleausstieg muss kommen. Angesichts des Klimawandels ist es unstrittig, dass wir bis spätestens 2050 eine vollständige Dekarbonisierung der Wirtschaft benötigen. Unternehmen, die einseitig nur auf die Kohle gesetzt haben oder Nachhaltigkeitsgebote ignorieren, bekommen jetzt massive Probleme. Es nützt aber nichts, den Wandel aussitzen zu wollen. Weil der Wandel kommen wird, sind Wirtschaft und Politik gefordert, ihn aktiv zu gestalten.

Wie könnte der Wandel aktiv gestaltet werden?

Indem wir neue Wege gehen. Warum nicht beispielsweise mit den Ländern, die von harten Strukturbrüchen geprägt sind, eine Modellregion nachhaltiger Mobilität schaffen, Verkehrskonzepte entwickeln, die über die E-Mobilität hinausgehen, neue Mobilitätskonzepte erproben und helfen, die Spaltungen zwischen Stadt und Land zu überbrücken?

Das würde Mut in Politik und Wirtschaft gleichermaßen erfordern.

Davon ist in der Tat noch wenig zu spüren. Stattdessen werden marktliberale Konzepte beschworen, etwa Rufe nach einer Sonderwirtschaftszone Ost mit Niedriglohn und Aufweichung von Arbeitsstandards und noch weniger Steuern für Unternehmen. Das sind Ideen, die bislang nicht gefruchtet haben und auch in Zukunft nicht fruchten werden. Eher befördern sie den weiteren Wegzug qualifizierter Arbeitskräfte.

Bis jetzt wurde noch immer das Wachstum als Heilsquelle beschworen.

Wachstum auf seiner gegenwärtigen fossilistischen Basis verringert inzwischen die Lebensqualität. Wir benötigen langlebige Güter mit geringem Ressourcen- und Energieverbrauch. Plakativ gesagt: Besser, als einen SUV nicht zu fahren, ist es, ihn nicht zu bauen. Um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, müssen wir die Gesellschaft umbauen. Das schließt eine Umverteilung insbesondere von Entscheidungsmacht von oben nach unten mit ein. Es heißt aber keineswegs, dass kleine und mittelständische Betriebe verstaatlicht werden sollten. Im Gegenteil. Gerade ein Land wie Thüringen, das durch seine kleinen und mittelständischen Betriebe geprägt ist, muss diese Unternehmen fördern. Sie müssen aber zur Kooperation angeregt werden, sonst haben sie künftig keine Chance. So könnte beispielsweise die Digitalisierung enorme Chancen bieten, doch gerade vielen Kleinunternehmen fehlt das Expertenwissen, um diese Chancen nutzen zu können. Das bedeutet, der Staat muss Experten zur Verfügung stellen, deren Kompetenzen sich kleine Unternehmen teilen könnten.

Angesichts des Klimawandels wird der Ruf nach Verboten laut, nach Verzicht. Doch letztlich schreckt die Politik davor zurück.

Verbote können die Freiheit von Minderheiten einschränken, die bislang zu Lasten großer Mehrheiten ausgelebt werden. Die einkommensstärksten zehn Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung sind für die Hälfte der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich! Also müssen die Wohlhabenden auch entsprechend in die Pflicht genommen werden. Fange ich hingegen bei den Geringverdienern damit an, die Kosten der Verkehrs- und Energiewende einzutreiben, erhalte ich eine Situation wie bei den Gelbwesten-Protesten in Frankreich.

Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Mathias Binswanger sagt, Wachstum sei das stabilisierende Element in unseren modernen Gesellschaften. Ohne Wachstum gehe es nicht, so seine These. Heißt das, ohne Wachstum eine instabile Gesellschaft? Oder braucht es etwas Anderes als stabilisierendes Element?

Entwicklung schließt in gewissem Maße auch Wachstum mit ein. Entscheidend ist aber, was wie und warum wächst. Selbstverständlich müssen Löhne und Einkommen der unteren Klassen steigen. Sonst können diese Gruppen Produkte aus ökologischem Anbau oder qualitativ hochwertige, langlebige Güter gar nicht bezahlen. Deshalb muss beispielsweise der Sektor mit sozialen Dienstleistungen aufgewertet werden. Würde die Arbeit etwa in der Pflege aufgewertet, dann verschieben sich auch Maßstäbe für Wachstum. Soziale Dienstleistungen sind nur begrenzt rationalisierbar, deshalb sorgt ihre Ausweitung für langsames, soziales Wachstum. Eine Alternative wäre es, in der Pflege Roboter einzusetzen. Aber wollen wir das wirklich?

Klimaaktivisten und Schülerinnen und Schüler machen Druck, beispielsweise soll der Kohleausstieg früher kommen. Doch ist die Gesellschaft überhaupt bereit für einen tiefgreifenden Wandel?


Der Wandel ist keine Frage des Wollens, er steht in jedem Fall bevor. Es liegt an uns, ihn sozialverträglich zu gestalten. Es sollte in die Richtung gehen, die Alexandria Ocasio-Cortez, Bernie Sanders und andere Demokraten in den USA mit dem »Green New Deal« umschreiben. Sie fordern eine rasche, radikale Abkehr der Wirtschaft von fossilen Energieträgern und CO2-Freisetzung sowie gleichzeitig staatliche Jobgarantien für alle, die in den emissionsintensiven Branchen ihre Arbeitsplätze verlieren. Es geht aber nicht um Bullshit-Jobs, sondern um Arbeit, die gut bezahlt und inhaltlich befriedigend ist. Nur wenn Living Wages - Löhne zum Leben - gezahlt werden, dann können sich die Menschen auch teurere Produkte aus ökologisch nachhaltiger Produktion leisten.

Bleiben nicht Arbeitsplatzsicherheit und eine freie Wirtschaft Fixpunkte, an denen niemand rütteln mag?

Wenn ganze Branchen sterben, gehen die Arbeitsplätze doch auch verloren. Da scheint es mir der bessere Weg zu sein, mit Produkt- und Prozessinnovationen vorzupreschen, egal in welcher Unternehmensform. Ohne staatliche Initiative und Beteiligung von unten wird das aber nicht gehen. Wer den Wandel verschläft, den bestraft die Geschichte. 

Interview: Stephan Laudien

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